SAAR-LORR-LUX SYMPOSIUM 08. September 2004 in Ettelbrück " Die
Mensch/Tier-Beziehung : Grenzen und Möglichkeiten der Anwendung ihrer
positiven Auswirkungen in der Behandlung psychischer Krankheiten "
Auszug von der Einleitung Livia Nocerini
……Wir mussten eine Wahl treffen von dem was wir Ihnen anbieten, und
indem wir diese Wahl getroffen haben, haben wir auf eine ganze Reihe von
Aspekten verzichten müssen, die das heutige Thema betrifft und die auch
sehr interessant zum Entdecken oder zum Vertiefen gewesen wären, die wir
Ihnen jedoch nicht vorstellen können.
Hier einige Beispiele:
die Entstehung der tiergestützten
Therapie; ihre Historik in den verschiedenen Ländern, die Entwicklung
ihrer Definition (die noch immer nicht abgeschlossen ist)
das Setting dieser Therapien; alle
Fragen, die die Hygiene betreffen, den Sanitärbereich, der
Gesichtspunkt der Tiermedizin und der Humanmedizin, die
Sicherheitsfragen, Versicherungsfragen, die nötigen Einverständnisse
wenn man in einer Institution arbeitet
die verschiedenen praktischen
Möglichkeiten, tiergestützte Therapie zu praktizieren
die Tiere, welche sich am Besten für
diese Therapien eignen, die Kriterien zur Wahl der Tiere je nachdem
welche Arbeit geplant ist
die Patienten-Gruppen die Ziel dieser
Therapien sein können
das was gemacht werden muss, und das
was zu vermeiden ist
usw …
Ich kann sie nicht alle aufzählen, sie sind zu zahlreich.
Auch nur von diesen Aspekten zu diskutieren ist schwierig, da alles das was
diese Therapieform betrifft relativ neu ist, der ganze Mensch/Tier-Beziehung
Bereich selbst ist Neuland, und die Meinungen der Berufsgruppen die dort
vertreten sind, gehen noch auseinander; es ist ein Forschungsbereich der in
vollem Aufschwung ist, und der Praktizierende kann sich nur darüber freuen.
Die Praktizierenden der tiergestützten Therapie haben 2 Leitfäden :
in erster Stelle sollen sie versuchen in der Praxis die
therapeutischen Möglichkeiten mit den Tieren zu vervielfältigen, damit
die großmöglichste Zahl von Patienten davon Gebrauch machen kann (z.B.
indem sie mit verschiedenen Tierarten arbeiten)
an zweiter Stelle sollen sie sich von dem Geschehenen distanzieren -
und ich meine hier "Geschehenen" und nicht "Provozierten",
weil die Rolle des Tieres erstrangig und aktiv ist. Obwohl das Ziel des
Therapeuten die Therapie des Patienten ist, ist manchmal der Weg dahin
nur vom Tier abhängig und der Therapeut muss sich damit abfinden indem
er seine eigene Kreativität mitspielen lässt - also sich distanziert,
um das Geschehene besser zu identifizieren, festzuhalten und zu
definieren, damit er besser darüber diskutieren kann, von dieser Art
der Arbeit, die doch eher nur analogische Ausdrucksmoden hat (im
Gegensatz zu alldem was digital ist, wie unsere Welt in der wir Tag für
Tag leben). Diese Aufgabe ist nicht einfach, da die Beobachtung selbst
keine neutrale Wahrnehmung ist, aber ein Schöpfungsakt.
Es bleibt mir wenig Zeit um Ihnen von dem
zu berichten was mir - in meiner Arbeit mit den Patienten - als vorrangig in
der TGT erscheint: man kann das meiner Meinung nach in einer Serie von
Schlüsselwörtern ausdrücken, die wie offene Türen sind und für weitere
Möglichkeiten eine Hilfe für leidende Menschen und ebenfalls eine
interessante Zukunft für Tierindividuen, die in der TGT integriert werden,
weil sie ein Talent dazu haben und demgemäß erzogen wurden.
Das erste Wort dieser Serie ist das was man in der Entwicklung der
Zuneigung "die interaktionelle Spirale" nennt, die interaktive
gegenseitige Beziehung die sich, in unserem Kontext, zwischen dem
Patient, dem Tier und dem Therapeuten anbahnt.
Während der TGT schaffen die Gesten der 3 Mitwirkenden, eher durch
Spiel und Lust am Kontakt geschmiedet, eine sensorielle Welt die ganz
verschieden ist von derjenigen, die von definitiv auf das Nutzen
gerichtete Gesten besteht.
Die Interpretation des Therapeuten wird dem Verhalten das sich
entwickelt hat einen Sinn geben. Das Gefühl das vermittelt wird, die
sensorielle Welt die das Geschehene umgeben wird, ist radikal
verschieden, je nachdem wie die Interpretation lautet.
Das zweite Schlüsselwort ist "der Sinn"; es ist der Sinn,
der ein Tier einem Leben geben kann, das vom Individuum selbst, und
vielleicht auch von seiner Umwelt als nutzlos, sinnlos betrachtet wird;
ein Tier, das mit seiner einfachen Gegenwart von vornherein die
Alternative zur Ablehnung oder Anziehung verkörpert, und so denjenigen
den es trifft dazu zwingt, sich neu zu definieren, also sich wieder als
Mensch zu definieren. Einbisschen so wie am Anfang vom Leben. Der Moment
ist ausschlaggebend, wo man Objekt des Blickes des Anderen ist, wenn das
Bedürfnis entsteht erkannt zu werden und auch den Anderen zu erkennen
(in diesem Fall ein Tier), einen Namen zu bekommen und den Anderen einem
Namen zu geben.
Die Interpretation, die der Therapeut vom dem was zwischen dem Patienten
und dem Tier geschieht gibt, schafft um den Patienten herum eine
sensorielle Atmosphäre die positiv und genesend wirkt (Gutmütigkeit,
warmer Kontakt, Gerüche (Fell vom Tier), vertraute Laute…) Der Sinn
der dem aktuell Erlebten gegeben wurde hat die Sinne verändert, die die
Bindung tragen und stärken. Es ist eine Mischung aus Sinn und Leben.
Die Beschreibung, die der Therapeut vom Geschehenen macht, sowohl vom
Standpunkt der Realität aus wie vom Standpunkt der Phantasien erlaubt
es, die Entstehung des Sinns zu verfolgen. Der Sinn geht auf die Dinge
zu, die Interaktionsspirale setzt sich in Bewegung, ein kaum
wahrnehmbares Signal das vom Körper des Individuums ausgeht wird zum
sinnvollen Zeichen, sobald es von einem Anderen interpretiert wird.
Sogar die fantasmatische Interaktion lässt sich in der Klinik
beobachten, es genügt zu Lernen sie zu hören und zu sehen. Eine
Phantasie-Vorstellung kann ein Verhaltensmuster organisieren, und seine
bildende Kraft in der affektiven Bindung schöpfen indem es den Dingen
Sinn verschafft. Jede Information wird ins Biologische eingespeichert,
aber sobald diese Stimulation wahrgenommen wird, bekommt sie einen Sinn,
weil sie interpretiert wurde. Die Geschichte des Wahrnehmers (hier
Therapeut) gibt dieser Wahrnehmung Sinn.
Drittes Schlüsselwort dieser Serie: "die Bindung".
Wie kann eine Bindung entstehen zwischen einem Menschen und einem Tier,
eine Bindung die es manchmal bewirkt, dass verzweifelte oder von ihren
Mitmenschen unverstandene Individuen die Wahl treffen, trotzdem
weiterzuleben, weil sie eine Bindung zu einem Tier aufgebaut haben? Ein
Teil der Antwort findet man darin, dass die Bedeutung die ein Objekt im
Geist eines Individuums bekommt ändern kann weil die Beziehungen
zwischen den Mitwirkenden seiner Umwelt geändert haben. Die Vorstellung,
die im imaginären Feld des Individuums auftritt ruft verschiedene
sensorielle Kommunikationen mit sich je nachdem welche Bedeutung diese
Vorstellung den Objekten gibt. Als ob das Verhalten der Mitwirkenden
Konsequenz der Phantasie-Vorstellungen des Individuums sein würden. Die
Phantasie-Vorstellungen können selbst eine sehr große Kraft ausüben
und in der Realität zum Agieren verhelfen.
Die Liste der Schlüsselwörter der TGT ist noch sehr lang, aber ich
werde hier aufhören, um unseren Gästen das Wort zu geben.
Um Ihnen meine Gedanken besser mitteilen zu können habe ich in den
Zeilen eines Werks von B. Cyrulnik gegriffen ("Sous le signe du
lien" Hachette Littérature).